CCS bei Müllverbrennungsanlagen: Von der Kostenfrage zur Entscheidungslogik
- Daniel Dantine

- 8. Mai
- 5 Min. Lesezeit
CCS wird konkreter. Neben Zementwerken gehören Müllverbrennungsanlagen zu den naheliegenden Anwendungsfällen: relevante, schwer vermeidbare Emissionen, eine mögliche Einbeziehung in den EU-ETS und zugleich ein biogener CO₂-Anteil, der perspektivisch CDR-Optionen eröffnet.
Trotzdem bleibt die Projektentwicklung schwierig. Vor allem, weil eine Investition in CCS heute oft nur schwer wirtschaftlich darstellbar ist.
Auf der Kostenseite stehen die CO₂-Vermeidungskosten: Was kostet es, eine Tonne CO₂ abzuscheiden, aufzubereiten, zu transportieren und dauerhaft zu speichern?
Auf der Wertseite stehen die Vorteile der CO₂-Reduktion: vermiedene ETS-Kosten für fossile Emissionen und mögliche Erlöse aus Zertifikaten für die dauerhafte Entnahme biogener Emissionen.
Beide Seiten sind unsicher. Energiepreise, Wärmeintegration, Transport- und Speicherkosten, ETS-Preis, CDR-Wert, Förderung, Regulierung und Timing können den Business Case stark verschieben.
Am Beispiel von Müllverbrennungsanlagen lässt sich deshalb besonders gut zeigen, warum CCS nicht über eine einzelne Kennzahl entschieden werden kann - sondern eine strukturierte Entscheidungslogik braucht.
Was die Kosten- und Wertbandbreite wirklich treibt
Die erwarteten CCS Kosten für Europa betragen 150-300 EUR/t CO2 laut einer Studie von Agora und dem Öko-Institut. Diese Bandbreite ist wichtig. Aber sie erklärt zu wenig.
Der erste Schritt ist, die Wirtschaftlichkeit sauber aufzubrechen. Dazu werden die Treiber der CO2 Vermeidungskosten den potentiellen CO₂-Benefits, insbesondere vermiedene ETS-Kosten und potenzielle Erlöse aus biogenem CO₂ bzw. CDR gegenübergestellt.

Illustrativer Kosten-/Wert-Waterfall für eine MVA-CCS-Anwendung. Der Full MAC (Marginal Abatement Costs = CO2 Vermeidungskosten) ergibt sich aus Kostenblöcken abzüglich möglicher CO₂-Benefits
Basis für die illustrative Berechnung
Die Annahmen basieren auf öffentlich zugänglichen Quellen und eigenen Screening Annahmen. Die Rechnung ist kein Standortgutachten, sondern dient zur Einordnung zentraler Hebel. Für die Capture-Anlage wird ein Wärmebedarf von 0,8–1,2 MWh/t CO₂ angenommen. In der Variante werden 50 % des jährlichen Wärmebedarfs durch saisonal verfügbare Wärme gedeckt, die restlichen 50 % über eine Wärmepumpe. Inbetriebnahme erfolgt 2033. Der Beispielstandort liegt in Österreich. Als Speicherpfad wird illustrativ ein künftiger österreichischer Onshore-Speicher angenommen. Diese Annahme ist ein Szenario, keine Aussage zur heutigen regulatorischen Verfügbarkeit.
Hinter diesen Annahmen stehen große Unsicherheiten. Entscheidend ist deshalb nicht nur der Base Case, sondern die Frage, welche Annahmen den Business Case wirklich bewegen.

Illustrative Sensitivitätsanalyse der Netto-Vermeidungskosten. Der größte Hebel liegt bei Transport und Speicherung, gefolgt von CO₂-Benefits aus ETS-Vermeidung und möglichem CDR-Wert.
Die Sensitivität zeigt: Der größte Hebel liegt nicht in der Capture-Anlage, sondern bei Transport und Speicherung. Im Beispiel steckt darin vor allem die Frage, ob ein regionaler bzw. Onshore-Speicherpfad verfügbar wird - oder ob CO₂ über längere Strecken zu Offshore-Speichern transportiert werden muss.
Der zweite große Hebel sind die CO₂-Benefits: ETS-Vermeidung und mögliche CDR-Erlöse. Beide hängen stark an Regulierung und Marktmodell.
Damit wird klar: Der Business Case hängt weniger an einer einzelnen Technikannahme. Er hängt vor allem an Infrastruktur, Regulierung, CO₂-Wertlogik und Standortpfad.
Neben diesen externen Unsicherheiten gibt es zwei weitere Ebenen: Standortfaktoren und Designentscheidungen. Genau dort entsteht der Handlungsspielraum.
Standortfaktoren sind verfügbare Abwärme, bestehende Strom- und Fernwärmeauskopplung, Opportunitätskosten, Nähe zu Hafen, Hub, Pipeline oder Speicher, Platzverfügbarkeit und Betriebsprofil.
Gestaltbare Designentscheidungen betreffen den eigentlichen strategischen Spielraum: Vollausbau oder Teilstrom, fossiler Scope oder gesamter CO₂-Strom, modulare Anlage oder großer Einmalinvest, saisonaler Betrieb, Capture-ready-Vorbereitung, spätere Erweiterung auf biogene CO₂-Speicherung, Partner- oder Hubmodelle.
Gerade in dieser dritten Kategorie liegt oft der größte Hebel. In der Praxis wird der Lösungsraum häufig zu früh verengt.
Dann wird CCS schnell als Alles-oder-Nichts-Investition diskutiert: Vollausbau oder warten. Investieren oder nicht investieren.
Sinnvoller ist es, den Lösungsraum zunächst bewusst offen zu halten. Welche Varianten sind technisch denkbar? Welche sind regulatorisch heute anrechenbar? Welche könnten als spätere Option relevant werden? Und welche Annahmen müssten sich ändern, damit aus einer Option ein investitionsreifer Pfad wird?
So wird CCS nicht nur als einzelnes Großprojekt betrachtet, sondern als Portfolio von Realoptionen.
Die wichtigsten Hebel: Wärme, Logistik und CO₂-Wert
Drei Hebel machen diese Logik besonders greifbar: Wärme, Logistik und CO₂-Wert.
Wärme: Aus CO₂-Abscheidung wird schnell eine Energiefrage
Für aminbasierte CO₂-Abscheidung bei MVA-/Waste-to-Energy-nahen Anwendungen liegt ein praxisnaher Arbeitsbereich häufig in der Größenordnung von etwa 0,8–1,2 MWh Wärme je Tonne CO₂.
Bei einer Anlage mit 100.000 t CO₂ pro Jahr bedeutet das:
80–120 GWh Wärmebedarf pro Jahr.
Das ist keine Nebenannahme. Das ist ein Eingriff in die gesamte Standortlogik.
Die Frage lautet daher nicht nur: Welche Capture-Technologie ist geeignet?
Sondern: Welche Wärmequelle ist realistisch, kostenrobust, genehmigungsfähig und kompatibel mit Strom- und Fernwärmelogik?
Logistik: Küstenstandort ist nicht Binnenstandort
Ein küsten- oder hubnaher Standort hat eine andere Ausgangsposition als ein zentraleuropäischer Binnenstandort ohne direkten Zugang zu CO₂-Infrastruktur.
Für manche Standorte kann Schiffstransport zu einem CO₂-Hub ein realistischer Pfad sein. Andere müssen prüfen, ob Bahn, Pipeline, LKW, regionale Hubs oder spätere Infrastrukturanschlüsse tragfähig sind.
Transport ist damit nicht nur eine Kostenposition. Transport ist ein Sequenzierungsrisiko.
Capture braucht Transport. Transport braucht Speicher. Speicher braucht Volumen. Und alle drei brauchen Verträge, Genehmigungen und Timing.
Auch externe Studien zeigen, wie stark dieser Hebel wirkt. Agora Industrie und Öko-Institut weisen für Transport und Speicherung - je nach Transportkette - Gesamtkosten von rund 105–260 EUR/t CO₂ aus. Für Binnenstandorte ist das entscheidend: Der Unterschied zwischen regionalem Speicherpfad, Pipeline, Bahn, Schiff oder Offshore-Export kann den Business Case stärker verschieben als manche technische Detailannahme.
Deshalb sollte der Standort nicht nur technisch bewertet werden, sondern als Infrastruktur- und Realoptionsfrage: Welche Speicher- und Logistikpfade müssen heute vorbereitet werden, auch wenn die finale Investition noch nicht entschieden ist?
CO₂-Wert: ETS und CDR folgen unterschiedlichen Logiken
Bei Müllverbrennungsanlagen kommt hinzu, dass der CO₂-Strom typischerweise fossile und biogene Anteile enthält.
Der fossile Anteil ist vor allem für ETS-Vermeidung relevant. Der biogene Anteil kann perspektivisch einen CDR-Wert erzeugen, wenn dauerhaft gespeichert wird und Zertifizierung sowie Marktmodell tragfähig sind.
Das eröffnet Chancen, erhöht aber auch die Unsicherheit. In der Praxis bleibt genau das ein kritischer Punkt: Der biogene CO₂-Wert ist strategisch relevant, aber noch nicht automatisch ein bankfähiges Erlösmodell.
Für die Entscheidungslogik heißt das:
ETS kann Teil des Base Case werden. CDR sollte zunächst als Upside, Szenario oder Realoption betrachtet werden.Der biogene Anteil ist strategisch relevant, aber nicht automatisch bankfähig.
Realoptionen statt Alles-oder-Nichts
Viele CCS-Diskussionen werden zu früh binär geführt: investieren oder warten, Vollausbau oder nichts, CCS ja oder nein.
Das ist zu eng.
Gerade unter Unsicherheit kann der Wert darin liegen, mehrere Realoptionen zu strukturieren. Nicht jede Option ist sofort investitionsreif. Nicht jede Option ist unter heutiger Regulierung vollständig anrechenbar. Aber jede Option hilft, den Entscheidungsraum besser zu verstehen.
Bei MVA-CCS können solche Optionen zum Beispiel sein:
laufende Anlagenerweiterungen capture-ready zu planen
Vorleistungen mit langer Vorlaufzeit vorzubereiten, ohne die große CCS-Investition auszulösen
modulare Ausbaustufen, Teilströme oder saisonale Betriebsmodelle zu prüfen
den biogenen CO₂-Wert als spätere Upside offenzuhalten
Transport-, Hub- und Speicheroptionen frühzeitig zu sondieren
Solche Varianten ersetzen keine finale Investitionsentscheidung. Sie bereiten sie vor. Sie zeigen, welche Annahmen den Case wirklich kippen: Wärmeverfügbarkeit, fossiler Anteil, ETS-Logik, CDR-Wert, Auslastung, CAPEX-Stufung und spätere Erweiterbarkeit.
Was ein guter Entscheidungsrahmen leisten sollte
Wenn eine Investitionsentscheidung noch nicht reif ist, heißt das nicht, dass nichts zu tun ist.
Der erste Schritt ist, den Lösungsraum sauber zu öffnen. Was ist wirklich schon entschieden? Was wird nur als entschieden behandelt? Und wo gibt es noch echte Gestaltungsfreiheit?
Daraus entstehen Varianten - und aus Varianten werden Optionen.
Ein guter Entscheidungsrahmen klärt drei Fragen:
Was ist bereits entschieden - und was ist noch echter Lösungsraum?
Welche Pfade sollten aktiv vorbereitet werden, ohne sich heute festzulegen?
Welche Annahmen bewegen den Business Case so stark, dass sich weitere Analyse lohnt?
Der Fokus liegt nicht darauf, sofort die eine richtige Lösung zu finden. Der Fokus liegt darauf, Optionen bewusst zu schaffen und zu erhalten.
So wird aus Unsicherheit kein Stillstand, sondern ein strukturierter Optionspfad.
Fazit: Entscheidungsfähig bleiben
CCS bleibt komplex. ETS-Regeln, CDR-Märkte, Förderinstrumente, Speicherzugang und Energiepreise werden sich weiterentwickeln.
Gerade deshalb reicht es nicht, auf die perfekte Kostenzahl zu warten.
Die entscheidende Frage lautet:
Welche Annahmen bewegen den Business Case - und welche Optionen sollten heute vorbereitet werden?
Für Müllverbrennungsanlagen heißt das: CCS muss nicht überall sofort investitionsreif sein. Aber der Optionsraum sollte strukturiert werden: mit klaren Werttreibern, realistischen Szenarien und definierten Entscheidungspunkten.
Diese Logik gilt auch über MVAs hinaus. Bei Zement, Stahl, Papier/Zellstoff oder Energieunternehmen geht es selten nur um Technologie. Es geht darum, unter Unsicherheit robuste Entscheidungen vorzubereiten.
Wie gelingt es Unternehmen, sich in diesem Dschungel aus Kosten, Regulierung, Infrastruktur und Marktannahmen zu orientieren? Und welche Methodik hilft, daraus konkrete Handlungsoptionen abzuleiten?
Ich freue mich über den Austausch: Welche Methodik hilft in der Praxis, aus CCS-Unsicherheit konkrete Handlungsoptionen abzuleiten?

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